Straßen-Döntjes von A – Z

An dieser Stelle gibt es eine kleine Sammlung von Straßenkunst Anekdoten, historisch und aktuell, national und exotisch, tragisch und lustig:

A wie André Heller

1987 eröffnete Anfang Juni der Kunst-Jahrmarkt „Luna Luna“ von André Heller auf der Moorweide in Hamburg. „Brust oder Keule“ (Majhab Helmut Ferner und ich) waren über Hanne Mogler vom Foolsgarden Theater auf ein Casting für Kleinkünstler aufmerksam gemacht worden. Am Anfang wurden ausschließlich Walk-Acts gesucht, die zwischen den „Buden“ mobil unterhalten sollten, bzw. die Wartenden in den Schlangen bespaßen. Das Casting fand in der Markthalle statt (wir waren als Stelzen Duo „Hinnerk und Kalle“ mittenmang) und André Heller war persönlich da. Majhab war überzeugt, dass wir nicht dabei sein würden, da ich den Kopf des Maestros für einen klassischen Stelzenläufer-Gag benutzt hatte…. Wir waren dann aber doch dabei und es stellte sich schnell heraus, dass die Straßenkünstler die Hauptattraktion der Veranstaltung waren und unsere Kreisshow/ Straßenshow war immer öfter gefragt. Der tägliche Feuerwehrball, eine Gruppenshow mit allen anwesenden Künstlern wurde Kult und im Juli und August waren wir immer mal wieder zu Werbezwecken in der Innenstadt (hier der link zu einem 9 ½ minütigen  Video vom August 87 auf dem Jungfernstieg https://youtu.be/9R9XwcFypNE ) und einigen Ostseebädern unterwegs. Mit dabei unter anderen: Marlene Jaschke (hat da ihre ersten Gehversuche gemacht), Herr Holm (damals noch mit Frau Holm als Duo) und Günter Märtens (von Ulrich Tukurs Rhythmus Boys), Ingo Kotzke Jongleur, Henrik and Dave und viele weitere, deren Namen mir leider entfallen sind….

B wie Beaubourg (Centre Georges Pompidou)

Mit 16 war ich alleine per Anhalter mit Zelt und Rucksack in Frankreich unterwegs. Mit einigen Klassenkameraden, die per Interrail durch Europa tourten hatte ich mich unter dem Eiffelturm verabredet, um dann gemeinsam Paris zu erforschen. Sie hatten ihre Pläne geändert und mussten gleich nach dem Rendezvous zum Bahnhof, gaben mir aber noch den Tipp mir unbedingt diesen Platz anzugucken, weil mir das bestimmt gefallen würde…. Und so nahm ich die Metro zur Station Beaubourg und folgte den Schildern zum Centre Pompidou und sah zum ersten Mal echte Straßenshows! Jongleure (u.a. Cotton McAloon), Fakire, Zauberer, Musiker, Pantomimen (u.a. Les Bubb) und eine unglaubliche Atmosphäre von Lebendigkeit, Freiheit und Freude. Ich verbrachte meine Zeit in Paris überwiegend vor dem Centre Pompidou, das wie sich (für mich) später herausstellte auch ein Museum für moderne Kunst beherbergt, lebte von Baguette mit Camembert und Yoplait (Trinkjoghurt), und warf immer etwas von meinem spärlichen Tagesbudget in die Hüte der Künstler. Dann hörte ich vom Festival d´Avignon, und entdeckte noch mehr dieser wunderbaren Welt! So ergab ein Wort das Andere und 3 Jahre später startete ich meine eigene Karriere als darstellender Künstler im öffentlichen Raum, was nunmehr 35 Jahre her ist. Und weil ich derzeit nicht raus darf, komm ich mal dazu ein wenig zu dokumentieren….

Unsere erste Straßenshow spielten Majhab und ich in den Frühjahrsferien 1985 in Avignon! Beim Centre Pompidou ergab sich das für mich erst im Februar 2007, auf dem Weg nach Marokko mit Rucksack und Bus und Bahn. Mehr dazu, siehe D wie Djemaa el Fna.

C wie Covent Garden

Im Sommer 88 sind „Brust oder Keule“ (Majhab und ich) zum ersten Mal auf einem internationalem Festival dabei: In Cardiff/Wales belegen wir mit unserer Duo-Show den 2. Platz unter den Jongleuren und fahren auf dem Rückweg bei Kollegen in London vorbei. Die nehmen uns mit nach Covent Garden und wir spielen spontan auf dem West Piazza eine Show (von den lokalen Kollegen kritisch beäugt, denn wir hatten einen Covent Garden Künstler in Cardiff „besiegt“). Wir haben Spaß und 80,-£ in den Hüten (und sind ein wenig enttäuscht, dass wir die 100  nicht knacken konnten). 10 Jahre später lebe ich mit meiner damaligen Frau Romany (www.romanymagic.com) für 2 Jahre in London und CG ist „mein Büro“ (so wie Wimbledon Boris Beckers Wohnzimmer ist) und es ist ein hartes Pflaster. Je nach Jahreszeit spielen hier 15 bis 30 Künstler*innen täglich, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Der überdachte Platz, die North Hall, wird wöchentlich per Auslosung belegt und die West Piazza jeden Morgen. Die routiniertesten Künstler (es sind zu 90% Männer) können zu den guten Spiel-Zeiten viel Geld verdienen, aber die guten Zeiten sind rar und der ökonomische Druck ist fühlbar, die Konkurrenz hoch und gleichzeitig gibt es auch eine spürbare Solidarität. Ich spiele mit Andy Christie zusammen Duo-Shows wenn mir der Kampf alleine zu anstrengend wird und wenn ich 80,-£ im Hut habe bin ich sehr zufrieden! Und obwohl ich dort nie vom Erfolg verwöhnt werde, merke ich doch immer wieder, wenn ich woanders spiele, wie ich als Auftrittskünstler wachse….

London ist die von Touristen meistbesuchte Stadt Europas. Covent Garden ist unter den Top Touristen Attraktionen Londons…und auch wenn man zugeben muss, dass die Läden und die Restauration vergleichsweise nett sind, so ist wohl doch die Straßenkunst hier die Hauptattraktion…! Covent Garden ist meines Wissens der meistbespielte Auftrittsort für Straßenkunst in Europa und  die Nummer 2 in der Welt (Nummer 1 siehe D).

Wir beantragen für die Straßenkunstszene in Covent Garden den Weltkulturerbe-Status.

D wie Djemaa el Fna (hat Weltkulturerbe-Status)

Das Pflasterspektakel in Linz (siehe G wie Gauklerhochzeit) gibt es nunmehr seit über 30 Jahren und es gehört zu den größten und schönsten Straßenkunstfestivals in Europa. Seine Entstehungsgeschichte nimmt Bezug auf den Platz der Gaukler in Marrakesch. So hörte ich zum ersten Mal von ihm.

Im Januar 2007 bin ich mit Rucksack und Öffies unterwegs auf der Suche nach den Wurzeln der Straßenkunst. Ich reise ohne Hocheinrad und Verstärker mit Bus, Bahn und Fähre Richtung Marokko, weil mein Leben grade ein wenig aus den Angeln gehoben worden war und ich Zeit hatte und brauchte, mich zu orientieren. Ich mache Zwischenstopps in Straßburg, Paris, Bilbao, Madrid und Orgiva, besuche Freunde und Kollegen und gehe in Museen und Ausstellungen. In Paris komme ich an einem sonnigen Wochentag Ende Januar zum Centre Pompidou. Es ist nicht viel los und ich spreche einen Straßenzauberer an, der grade seine Show abgebrochen hat. Er erkennt mich als Kollegen an und meint ich kann gerne mein Glück versuchen, aber auf Feuerfackeln müsste ich auf Grund der Sicherheitsauflagen verzichten. Also spiele ich eine Stehgreif-Show mit Diabolo, Bällen, Huttricks und Keulen auf Französisch und ich bekomme einen kleinen Publikumskreis – es läuft gut. Der Kollege ist beeindruckt und ich freue mich über einen geschlossenen Kreis in meiner Laufbahn.

In Marokko angekommen nehme ich den Nachtzug von Tanger nach Marrakesch. Früh am Morgen komme ich am Bahnhof an, orientiere mich und laufe zu Fuß zur Medina, durch eines der alten Stadttore hinein und direkt zum Djemaa el Fna, dem Platz der Gaukler. Es ist inzwischen gegen 10.00 Uhr und der Platz ist noch praktisch menschenleer, aber ich sehe eine Menschentraube: 2 Akrobaten haben bereits einen Kreis versammelt und zeigen Tricks. Ich werde als Europäer sofort angekobert, lasse als Reaktion meinen Hut um den Finger wirbeln und werde prompt auf die Bühne geholt, bin direkt Gastkünstler und exotische Attraktion, diese Gelegenheit lässt sich niemand der Beteiligten entgehen. Ich suche mir eine Pension in der Nähe und erlebe den Rhythmus des Djemaa el Fna. Gegen Mittag, wenn die ersten Touristenbusse eintreffen, bauen die Schlangenbeschwörer ihre Sonnenschirme auf, die ersten fliegenden Händler machen ihre Runden, die Orangensaftstände werden öfter aufgesucht und die Basare auf allen Seiten des Platzes füllen sich. Die Affenführer posieren für Fotos und nach und nach kommen die Schreiber, die Wunderdoktoren, Zahnärzte, Apotheker, die Geschichtenerzähler und die Musiker. Es gibt mobile Essensstände mit heißen Maronen und Schnecken in Sud und Geschicklichkeitsspiele, wie das Flaschenangeln. Zum Abend entsteht an der Nordseite des Platzes ein kulinarischer Markt mit Straßenrestaurants und Essensständen aller Art. Es gibt Fisch und Fleisch und Suppen und gefüllte Kartoffeln und Ziegenhirn und Süßigkeiten…. Die Shows beginnen auch gegen Abend und das Publikum auf dem Platz besteht zum großen Teil aus Einheimischen und nordafrikanischen Touristen. Alle Künstler sprechen marokkanisches Arabisch oder Berber und es wird sehr viel animiert, auch die Musiker verbringen viel Zeit damit zwischen den Stücken Geld zu sammeln. Jeden Abend bis in die Nacht, seit Jahrhunderten, unzählige Kreise, tausende von Menschen. Bei Einbruch der Dunkelheit werden Gaslampen aufgestellt, so dass die Shows beleuchtet sind. Bettler und Behinderte kommen „spontan“ in die Shows und die Künstler sammeln für die Bedürftigen: „Muslime! Wohltätigkeit ist eine der Säulen des Islams! Nun habt Ihr die Möglichkeit zu geben und Eure Pflicht zu erfüllen…“ und teilen das Geld mit Ihnen. In einem Kreis werden Boxkämpfe zwischen Zuschauern veranstaltet, ein Musiker hat ein Huhn auf dem Kopf, ein alter Mann sitzt im Gedränge und lässt sein Meerschweinchen laufen. Es wird praktisch kein Alkohol getrunken, fliegende Händler sind mit Tee oder Zigaretten (Stückweise) unterwegs, Taschendiebe werden fortgejagt und immer wieder wird gesammelt und man weiß nicht ob man für das grade Gesehene bezahlt, oder für das was kommen soll. Ich bin mitten drin und dabei (mehr dazu unter H wie Hisham) und als ich zurückkomme habe ich Orientierung gefunden, ziehe wenige Monate später mit Nicole zusammen auf´s Land und wir kriegen Kinder.

Zweimal fahren wir mit Familie im Wohnmobil nach Marokko und erkunden das Land und seine Plätze. Es gibt einen Reiseblog von 2010 und 2013 (www.kaluamlu.de) und ein Straßenkunstprojekt mit Fotoausstellung: Quo Vadis Arsvia – der Marktplatz (www.kalumalu.com).

E wie Eilat

Im Herbst 2002 fahre ich zusammen mit meiner Mutter Ursel nach Israel und Palästina. Über unsere Arbeit mit dem Earthstewards Network kennen wir die Familie Issa, die in Bethlehem die Hope-Flower Schule leitet in der palästinensische Kinder unter anderem Hebräisch und Friedenserziehung auf dem Lehrplan haben (www.hopeflowers.org). Wir kommen über einige Checkpoints nach Bethlehem und sind ein paar Tage zu Gast bei den Issas und in der Schule. Wir erleben viel, unter anderem eine Ausgangssperre. Ich habe meine Show dabei und will für die Schüler*innen und die Lehrerschaft eine Vorführung geben. Petroleum ist in ganz Bethlehem nicht zu bekommen und ich finde heraus, dass man auch mit Dieselkraftstoff Feuerfackeln laden kann (es rußt deutlich mehr!). Die Show auf dem Schulhof ist ein voller Erfolg und ich bringe einigen Lehrkräften das Jonglieren bei, denn ich habe auch eine Ladung Jongliersachen dabei, die mir Israelische Kollegen mit gegeben haben, um sie in den besetzten Gebieten zu verteilen (die andere Hälfte geht in ein Flüchtlingslager in der Nähe). Die Kontakte zu israelischen Jongleuren hatte ich über das Jongliermagazin Kaskade hergestellt und auch in Tel Aviv kommen wir bei meinen Kollegen unter. Es gibt einen Ort in Tel Aviv, wo an Markttagen Straßenshows gespielt werden können, aber es lässt sich etwas zäh an – es ist einfach schwerer einen Kreis aufzubauen, wenn ein reales Risiko von Anschlägen besteht. Nichtsdestotrotz gelingt es mir eine Show zu spielen, inklusive der englischen Version der Kinderhymne von Bert Brecht und einigen gerührten Tränen im Publikum (Foto und Gedicht siehe www.kammannmachtspass.de). Ursel fliegt zurück und ich miete mir ein Auto, denn ich habe noch ein paar Tage Zeit. Ich fahre nach Eilat, ein Badeort am südlichsten Punkt Israels am roten Meer, weit weg von allen Konflikten. Ich wohne im Hostel und gehe im roten Meer Schnorcheln und Abends schiebe ich mein Einrad und meine Jongliersachen an der Promenade lang und finde ein ruhiges Plätzchen, um eine Show zu spielen. Hier ist es leichter einen Kreis aufzubauen, die Leute sind in Urlaubsstimmung und ich bin erfüllt von meinen Abenteuern und der Herrlichkeit der Unterwasserwelt. Als die Menschen am Ende der Show zu mir kommen um ihre Schekel in meinen Hut zu werfen, spricht mich eine junge Frau an: „Are you really from Germany or are you just saying that because it´s cool?“ (Bist Du wirklich aus Deutschland, oder sagst du das nur , um cool zu wirken?).

F wie Foolsgarden

Der Foolsgarden (das Foolsgarden Theater, um die korrekte Bezeichnung zu verwenden) war eine Institution der Hamburger Kleinkunstszene, bevor es die gleichnamige Band zu internationaler Bekanntheit brachte. Der erste Standort war in der Bornstrasse, die beim Abaton vom Grindelhof abgeht und direkt nebenan war im Tiefparterre das erste Ladengeschäft der Pappnase, wo wir alle unsere Requisiten kauften und beim Ausprobieren unauffällig beobachteten, ob jemand guckt wie toll wir jonglieren können. Die Pappnase war von einigen Kollegen aus den Jongliertruppen „Klappskallis Keulenkompanie“ und „Knall und Fall“ gegründet worden und gehörte zu den ersten 3 Jonglierläden in Deutschland. Der Foolsgarden wurde 1978 gegründet und betrieben von Hanne Mogler und wegen seiner geringen Deckenhöhe eigentlich ungeeignet für Jonglage und Hocheinrad. Nichtsdestotrotz beschlossen Majhab und ich mit „Brust oder Keule“ ein Abendprogramm auf der Bühne zu probieren. Pressefotos machten wir mit Selbstauslöser auf dem Sofa meiner Einzimmerwohnung In Harburg mit Clownsnasen. Die Auftrittsmusik und Einspieler nahm ich mit dem Kassettenrekorder auf. Das Foto war als Tagestipp im Veranstaltungsteil der Bild-Zeitung und so gelang es uns auch 2 Gäste anzulocken, die nicht aus unserem Freundeskreis oder unseren Familien stammten. Das Programm war zusammengeschustert aus Straßennummern und neuen Ideen, überwiegend ungeprobt und von jugendlicher Begeisterung getragen, also gute Unterhaltung. Als Finale saßen wir, da wir die extra 20cm Höhe brauchten, vor der Bühne, gebückt auf unseren Hocheinrädern und warfen 6 Keulen hin und her.

Bei den Foolsgarden-Geburtstagsfesten Anfang Mai spielten wir draußen im Hof unter freiem Himmel, wie wir das gewohnt waren, zusammen mit anderen Hamburger Jongleuren. Auf der Bühne waren z.B.  Aprilfrisch (jetzt Stefan Gwildis/Söhne Hamburgs), Herrchens Frauchen (Polittbüro) und das Mägädäm Theater zu sehen, die wie viele Hamburger Kulturikonen im Foolsgarden angefangen hatten und gelegentlich vorbeikamen.

Später, als Hanne ins Schanzenviertel umgezogen war, organisierte Lucy Lou dort die „Glanz & Glitter“ Mixed Show.  Bei anderen Mixed-Shows im Foolsgarden spielte ich als Herr Kammann mein Lyrikprogramm ein.  Am 31. Oktober 2013 wirkten wir dann bei der Abschiedsveranstaltung des Foolsgarden Theaters mit. Ende Legende.

G wie Gauklerhochzeit

im Juli 1991 fahren wir „Brust oder Keule“ zum ersten Mal zum Pflasterspektakel nach Linz in Oberösterreich. Hamburger Kollegen, hatten schon länger begeistert davon berichtet, aber wir wollten nicht nur für Hut-Geld nach Österreich fahren – Straßenshows konnten wir auch näher dran spielen. Was uns schließlich dazu brachte es doch einmal auszuprobieren war, dass es in Linz eine Münzzählmaschine geben sollte, wo man sein Hut-Geld nach den Shows in Scheine umtauschen konnte…. Und dann war es wieder mal Liebe auf den ersten Blick. Tausende von Menschen, die in der Stadt waren um Straßenkunst zu sehen, hunderte von Künstler*innen, 3 Shows pro Tag, Auslosung der Auftrittsorte am Morgen. Am Freitagabend, dem 2. Festivaltag, saßen die Leute schon da, wenn wir zum Pitch kamen. Wir hatten noch nie so viele klasse Shows hintereinander gespielt und was wir showtechnisch für ein reserviertes Hamburger Publikum entwickelt hatten lief in Linz großartig, bloß dass das Publikum von Anfang an voll dabei war (was anfänglich zu Herzflattern führte, weil wir nicht gewohnt waren, so viel Energie zurückzubekommen). Das Pflasterspektakel war wie ein Rausch und wurde zu einem festen Bestandteil unseres Auftrittskalenders (und das mit der Geldzählmaschine war wirklich praktisch). 1995 waren wir zum 5. Mal in Linz dabei und Mike Dow, ein Zauberer aus London und Festival Stammgast, stellte mir seine neue Show-Partnerin Romany vor und es sprühen die Funken.  Im Herbst 1997 (wir wohnen inzwischen gemeinsam in Hamburg) brechen wir zu einer 5-monatigen Reise um die Welt auf, um unsere gemeinsame Geschlechterkampf-Messerwerf-Comedy Straßenshow „Right between the Eyes“ einzuspielen (siehe K wie Kayelitsha) und beschließen unterwegs unsere Hochzeit auf dem Pflasterspektakel zu feiern. Von der Festivalleitung in Gestalt von Monika Geißbauer ideell und organisatorisch phänomenal unterstützt gelingt es uns unsere Familien und Freunde für die Idee zu begeistern (und kriegen diejenigen, die nicht so viel über unsere Arbeit wissen dazu einen „intensiv-Kurs“ in Sachen Straßenkultur zu belegen), die Kolleg*innen sind sowieso da. Das Lokalfernsehen berichtet, die „Gauklerhochzeit“ schafft es in alle Zeitungen, die Torte und der Sektempfang sind gesponsert und das Unterhaltungsprogram auf der abendlichen Feier ist Weltklasse. Die Zeremonie findet im Schlossgarten statt, mit Blick auf Altstadt und Donau. Es gibt Kreistänze, Segenswünsche der vier Himmelsrichtungen, Acapella-Gesang und einen Sprung über den Besen – Betty und Ian leiten die Eheschließung nach keltischem Ritual. Die Gäste sind aus Deutschland, England, Südafrika, Neuseeland und überall dazwischen, die Kleidung reicht von Anzug bis Dirndl, über Showkostüme bis Lehm-beschmiert. Mike Dow ist eine der Brautjungfern und trägt ein entzückendes Kleid. Danach gibt es eine Prozession, von Trommlern geleitet, den Berg hinab in die Altstadt zum Sektempfang in einem schönen Hinterhof und danach auf den Hauptplatz, wo wir unsere „Hochzeitsshow“ spielen (Aus dem Bild- und Filmmaterial entsteht später unsere gesamte Werbung) und da alle monetären Hochzeitsgeschenke in die Hüte geworfen  werden, kriegen wir den dicksten Hut, den ich je gesehen habe….

Als wir am Montag extrem erschöpft, aber glücklich auf dem Weg in die Flitterwoche (das nächste Festival beginnt in ein paar Tagen) einen Schaden am Wagen haben und eine Werkstatt brauchen, kriegen wir die Reparatur geschenkt – der Meister hatte von der Gauklerhochzeit gehört.

p.s.  Romany (www.romanymagic.com) und ich sind seit dem Herbst 2002 glücklich geschieden. Ihre Biographie „Spun into Gold“ erzählt ihre Version der Geschichte auf Englisch. Das Cobble Comedy Company Promo Video gibt es auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=WK7WVRVJW90

H wie Hisham

Nach meinem ersten Eindruck vom Platz der Gaukler und meiner spontanen Gastrolle in einer Show (siehe D wie Djemaa el Fna) verbrachte ich 3 Tage mit meiner Ex-Frau Romany (siehe G wie Gauklerhochzeit) und half ihr beim Einkaufen auf den Basaren, da sie ihr Haus opulent einrichten wollte und das  marokkanische Innendesign weltweit unübertroffen ist. Abends genossen wir den Platz und ich sprach einen Künstler an, der Englisch sprach und mir versicherte, dass ich am nächsten Abend (nach Romans Abreise) bei der Show mitwirken könnte. Als ich am nächsten Abend mit meinen Requisiten dort auflief, war mein Kontakt nicht da und der junge Marokkaner, der sich als Hisham vorstellte, sprach kein Englisch und auch nur sehr rudimentäres Französisch, das aber etwas besser war als mein Arabisch…. Nichtsdestotrotz entwickelte sich spontan eine künstlerische Zusammenarbeit, die den Beweis erbrachte das Straßenkunst alle Barrieren überwindet. In den folgenden Wochen arbeiteten wir mit einigen Unterbrechungen ungefähr 2 Wochen lang zusammen auf dem Platz der Gaukler und ich hatte das Privileg und die Gelegenheit dieses nicht-materielle Weltkulturerbe der UNESCO von innen heraus zu erleben, zu erforschen und zu genießen. Die Anzahl der glücklichen Umstände, die zu dieser Gelegenheit führten wurde mir erst nach und nach bewusst…. Z.B. dadurch, dass sich nach 3 Wochen herausstellte, dass Auftritte von Ausländern offiziell unerwünscht, bzw. gar verboten sind und normalerweise nur für einen Tag, quasi als touristischer Service, geduldet werden. Das erfuhr ich von einem Sackpfeifenspieler im Innenhof der Polizeipräfektur, nachdem ich 2 Tage lang von Behörde zu Behörde gelaufen war, um schließlich zum 2. Mal bei der ersten vorstellig zu werden. Der Sackpfeifenspieler war aus München und hatte einige Tage bei den Schlangenbeschwörern mitgespielt, bis ihm dies untersagt wurde, ungefähr zur gleichen Zeit in der auch meine Karriere in Marrakesch ein ebenso abruptes wie schmerzhaftes Ende nahm. Der Mann, der bei meinem ersten Vorsprechen wortlos hinter seinem Schreibtisch gesessen hatte, während mir sein Besucher erklärte, dass ich ein anderes Amt aufsuchen müsste, erklärte mir nun seinerseits, dass die marokkanische Straßenkunst-Kultur unverfälscht erhalten werden müsse, weshalb ich leider keine Genehmigung für weitere Auftritte erhalten könne. Als ich enttäuscht und wütend die Präfektur verließ, wurde mir klar an welcher Stelle seines Monologes das Angebot enthalten war für eine zu verhandelnde Summe eine Ausnahme zu erwirken….  Weitere glückliche Umstände gibt es unter I wie „Irgendeine Überleitung, um die Geschichte weiterzuerzählen“….

I wie hIsham

Als wir uns das erste Mal begegnen ist Hisham Anfang 20. Er ist ein guter Akrobat, macht aus dem Stand 5 Schwungüberschläge am Platz und beherrscht das Rola-Bola. Die Jonglierkeulen, die mich dazu bewegt hatten die Gruppe anzusprechen, dienten nur der Dekoration. Ein weiterer glücklicher Umstand, den ich erst Wochen später realisiere ist, dass Hisham nicht Solo spielt. Sein Akrobatikpartner ist aber grade auf Reisen. Andere glückliche Umstände: 1. Hisham trinkt nicht (auf dem Platz trotz islamischem Alkoholtabu nicht selbstverständlich). 2. Hisham ist neugierig, großzügig, ehrlich und abenteuerlustig. Außerdem ist er ein harter Hund. Er wohnt in einem 6 Quadratmeter Raum in den billigeren Bereichen der Altstadt von Marrakesch und kann Sattelitenschüsseln anschließen, die auf den Dachterrassen der Altstadt wie Unkraut wachsen. Er hat wohl eine Ausbildung als Fernsehtechniker, aber der Tageslohn für einfache Angestellte liegt zu der Zeit bei 50 Dirham (ca. 5€) und auf dem Platz kann er mit 100 Dirham rechnen, an Wochenenden mehr. Und wir arbeiten zusammen! Ich verstehe nach und nach mehr von dem was vor sich geht. Einen Kreis aufzubauen ist einfach, einen Kreis abzusammeln ist hohe Kunst. Gesammelt wird immer, bzw. immer wieder und zwar einzelne Dirhams, manchmal Zweier und mehr, sehr selten Scheine. Es gibt einen Mindestbetrag, damit die Show losgeht und dann gibt es Intervalle in denen weitergesammelt wird und es ist mir selten ganz klar, ob die Leute für das bezahlen, was sie gesehen haben, oder für das was kommen soll. Wenn´s zu zäh läuft brechen wir die Show ab, trinken eine Tasse Tee und fangen neu an. Ich habe meinen kleinen Text auf Arabisch und eine Reihe Nummern, die pantomimisch oder mit einigen Sätzen Arabisch funktionieren und Hisham achtet drauf, dass ich nicht zu viel zeige, da ja wieder gesammelt werden muss. Das Publikum bleibt eine halbe Stunde oder die ganze Nacht. Wir treffen uns gegen sieben und machen zwischen 10 und 11 Feierabend. Ich lerne bei welchem Orangensaftstand die Gaslampen verliehen werden, die nach Einbruch der Dunkelheit alle Kreise beleuchten (Lampa kostet 20 Dirham). Als es einmal zu regnen anfängt, gehen wir zum Geld zählen und teilen in den Raum, in dem die Affenführer ihre Tiere über Nacht in kleinen Käfigen unterbringen. Es riecht streng und ist sicherlich nicht artgerecht, aber Tierschutz steht im Überlebenskampf weiter unten auf der

Prioritätenliste und die Affen werden gepflegt, weil räudig wirkende Tiere kein Trinkgeld generieren.  Nach 3 Tagen Shows mit Hisham werde ich kaum noch angekobert, bzw. ich soll nichts mehr kaufen, aber einen Trick soll ich zeigen…. Wir erarbeiten kleine gemeinsame Nummern und es gehört zum Geschäft sich gegenseitig auf den Arm zu nehmen, bzw. aus dem Konzept zu bringen. Einmal lässt mich Hisham zur großen Begeisterung des Publikums auf Arabisch das muslimische Glaubensbekenntnis nachsprechen („Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet“), weshalb ich seitdem offiziell Muslim bin. (Christ bin ich durch das Taufritual, Buddhist, weil ich bei einem Mönch „Zuflucht genommen“ habe und Muslim wird man durch das öffentliche Ablegen des Glaubensbekenntnisses). Außerdem hat er festgestellt, dass er mich gut aus dem Konzept bringen kann wenn er die Sprache auf Hitler bringt (ich weiß nicht genau was er sagt, aber es hat mit Deutschland und Hitler zu tun). Das passiert wiederholt bis zu dem Abend zu dem ich eine kleine Pantomime vorbereitet habe, bei der es um Massenmord, Vergasung und getötete Babys geht. Das wirkt. Feuer ist auf dem Platz der Gaukler verboten, weshalb ich nur mit Bällen, Keulen, Hüten und Diabolo arbeite, aber einen Abend soll ich meine Fackeln mitbringen. Hisham hat jemanden von der Tourismuspolizei bestochen und wir spielen Shows mit Feuerfackeln, was mehr Publikum und mehr Geld einbringt. Am nächsten Tag ist das Geld wohl abgelaufen, denn ein Polizist kommt in den Kreis und es gibt Streit. Der Beamte konfisziert meine Fackeln, aber Hisham läuft ihm nach und kommt mit den Fackeln zurück. Es gibt Spannungen auf dem Platz. Es gibt wohl Kollegen, die meinen dass Hisham durch mich einen unfairen Wettbewerbsvorteil hat…. Auf jeden Fall beschließt dieser, dass wir etwas Security benötigen und leiht sich von einem Nachbarn einen Kampfhund aus. Zweimal in meiner Karriere habe ich erlebt, wie sich ein Publikumskreis schlagartig auflöst. Das erste Mal als ich auf der zugefrorenen Alster spielte und kurz vor dem Finale (ich saß schon auf dem Hochrad, das ging weil Schnee lag, der ein bisschen Reibung brachte) sich mit ominösem Krachen ein Riss im Eis quer über die Alster bildete. Das zweite Mal auf dem Djemaa el Fna als sich eine hungrige Kampfhündin auf einen Gast in der ersten Reihe stürzte, der sie provoziert hatte und ihm seine Jeans zerbiss. Ich schickte jemanden los, dem Hund etwas Futter kaufen und wenig später ging die Show weiter…. Den Hund ließen wir danach wieder zu Hause und die Spannungen mit den Kollegen führten wohl dann dazu, dass meine Laufbahn als Gaukler auf dem Platz ein Ende nahm, aber wenn ich während Hisham am Sammeln war auf dem Boden saß und in den Sternenhimmel guckte, den Rauch der Holzkohlegrills am Ende des Platzes roch und die Musiker aus den benachbarten Kreisen hörte, konnte ich fühlen wie der Platz Jahrhunderte von Straßenkunst atmete. Und wenn ich am anderen Ende der Stadt unterwegs war, um meinen Sprachaustauschpartner zu treffen, kamen mir Leute entgegen, die mich angrinsten und „Aah, Jemaa el Fna!“ riefen. Selbst als ich auf dem Weg zurück nach Spanien einen Bekannten in Rabat besuchte und Marrakesch schon schmerzlich vermisste und der bevorstehende  Abschied von Marokko mich traurig stimmte, brachte mich genau so eine Begegnung wieder in die Gegenwart zurück.

Auf beiden Marokko Reisen mit Lucy Lou und erst einem und dann mit zwei Kindern besuchten wir Marrakesch und ich hatte  Gastauftritte auf dem Platz der Gaukler (Hisham spielte inzwischen mit Hassan zusammen, der Alkohol trinkt) und beim 2. Besuch lud er uns in seine neue Wohnung im Neubaugebiet am Stadtrand ein, wo er mit seiner Frau, dem gemeinsamen Baby und der Schwiegermutter auf über 20 Quadratmetern wohnt und wir aßen gemeinsam Couscous mit Fladenbrot und Huhn (Lucy Lou nur Couscous und Fladenbrot). Ma´a salama.

J wie Jugglingconvention

Das Wort Convention kommt aus dem US Amerikanischen und bedeutet soviel wie Konferenz oder Tagung. Da die US Amerikanische Jonglierlandschaft früher organisiert war als die Europäische wird der Begriff noch immer verwendet. Festival wäre allerdings passender!

Anfang September 1985 sind Majhab und ich als Mitfahrer unterwegs nach Brüssel zu unserer ersten Convention. Wir jonglieren seit einem knappen Jahr und haben unsere ersten Straßenauftritte auf der Spitaler Straße hinter uns. Im Mai hatten wir das erste Mal von einem Jonglierfestival gehört, als eine Frankfurter Gruppe auf der Reise zur Nordic Juggling Convention nach Kopenhagen ebenda eine Straßenshow gespielt hatte. Nun also das 8. Europäische Treffen. Als wir endlich auf dem Veranstaltungsgelände ankommen laufe ich zur Sporthalle, die im Eingangsbereich eine Galerie hat von der man in die Halle herabsehen kann und mir bleibt die Luft weg! Hunderte von Menschen, die zum Spaß Dinge in die Luft werfen. 800 Menschen sind dabei, inklusive eines russischen Jongleurs mit Trainer, der auf einer freistehenden Leiter balancierend 5 Keulen mit Variationen jongliert und eines Italieners, der von einem Flötisten begleitet 7 Gummibälle auf einer Marmorplatte dotzen lässt. Es gibt einen Umzug in die Innenstadt mit Jonglier-Spielen auf dem Hauptplatz und eine  Gala-Show in der Turnhalle.  Bis 1993 sind wir mit 2 Ausnahmen bei allen Europäischen Festivals dabei. 1987 in Saintes/Frankreich finden die Spiele in einer römischen Arena statt und ich verpasse knapp den Einzug in das Finale der Einradrennen auf dem ehemaligen Wagenparcours. 1989 in Maastricht/Holland findet die Gala-Show auf einer schwimmenden Bühne statt und Heinz steigt in einen Riesenluftballon und geht zu Wasser…. 1993 in Verona/Italien spielen wir unsere Straßenshow nach den Spielen vor der Arena, denn Majhab hat inzwischen genug Italienisch gelernt. Danach reise ich weiter nach Tibilisi/Georgien, wo im zweitältesten Zirkusgebäude der Sowjetunion ein weiteres internationales Jonglierfestival stattfindet…. Wir reisen außerdem zu vielen der kleineren Festivals in Deutschland und zu den Nordic Conventions in Dänemark. 1994 merken wir dann, dass es ökonomisch für professionelle Auftrittskünstler Sinn macht in der Hauptsaison Auftritte anzunehmen, statt zum Vergnügen quer durch Europa zu reisen. 1988 fahre ich im Februar allerdings auch zum ersten Mal zum Hawaiian Vaudeville Festival nach Kalani Honua in Kalapana, Big Island, Hawaii, aber das ist eine andere Geschichte.

K wie Kayelithsa

Im November 1997 brechen Romany und ich zu einer Weltreise auf. Wir wollen unsere neue Show einspielen (siehe G) und den Winter in Hamburg verpassen. Wir haben ein Flugticket nach Südafrika, Australien, Neuseeland, Hawaii und Kalifornien, für jeweils einen Monat.

Unser Erster Flug geht nach Johannesburg. Garth, ein Jongleur, den ich über die Jonglierzeitung „Kaskade“ kontaktiert hatte, holt uns vom Flughafen ab, beherbergt uns in seinem Gästezimmer und leiht uns seinen alten Golf, um zum Safaripark zu fahren. Wir reisen mit der Bahn über Durban nach Kapstadt, wohnen dort im Hostel und spielen unsere Show an der „Waterfront“, einem Shopping- und Tourismus-Zentrum.  Das „Truth and Reconciliation Comitee“ arbeitet auf Hochtouren, um das Trauma des Apartheid-Regimes aufzuarbeiten und die Zeitungen berichten täglich davon. Kriminalität und häusliche Gewalt sind verbreitet und auch in den Tourismusarealen ist die Armut deutlich zu bemerken. Nicola, eine Freundin, die in einem Ausbildungs- und Qualifizierungsprojekt für schwarze Frauen arbeitet, vermittelt uns einen Kontakt zu einer Sozialarbeiterin. Ich hinterlasse am Wochenende eine Nachricht: „Hallo, wir sind Straßenkünstler aus England und Deutschland und sind eine Woche lang für Touristen an der „Waterfont“ aufgetreten. Wir würden gerne auch für Menschen in den Townships spielen – ließe sich das arrangieren?  Und zwar möglichst am Montag, da am Dienstag unser Zug nach Johannesburg abfährt…“. Am Sonntagabend erhalten wir die Nachricht, dass wir Montagmorgen abgeholt würden. Wir sollen unsere Requisiten mitbringen. Am Treffpunkt lädt die Sozialarbeiterin uns und unsere Showsachen in Ihren Kleinwagen und fährt uns nach Kurtis Town, einer kleinen Township für „Farbige“  (eine der durch das Apartheidregime definierten Gruppen der Unterdrückten – Blacks/Coloureds/Indians). Ca. 200 Schülerinnen und Schüler sitzen auf dem Schulhof ordentlich im Halbkreis auf dem Boden und schauen begeistert zu. Wir zeigen Ausschnitte aus unseren Soloprogrammen, da wir die Messerwurf-Show für unpassend befanden. Die 2. Vorstellung findet in einer Schule in Kayelitsha statt, der größten Township Kapstadts. Die Verwandten von Nicola, alles liberale Weiße, hatten uns bei einem gemeinsamen Abendessen gewarnt, wie gefährlich diese Townships für Weiße sein können…. Wir merken überhaupt nichts davon – hier sind es ungefähr 500 Zuschauer*ìnnen, die Schule ist ärmer und das Publikum lebhafter und genauso freudvoll und begeistert. Nach dem Abschlussapplaus und den Dankesworten der Direktorin heben alle Kinder ihre Plastikstühle auf den Kopf und gehen über den Schulhof davon in ihre Klassenräume.

Nach getaner Arbeit fährt uns unsere Betreuerin noch in ihre Arbeitsstelle, die Telefonhilfe für Opfer häuslicher Gewalt und führt uns herum. Dies ist auf den ersten Eindruck kein fröhlicher Ort. Die Frauen in den Büros wirken bedrückt, aber sie begrüßen uns freundlich und sind sehr interessiert. Romany beginnt einige Close-Up Zauberkunststücke vorzuführen und den überraschten Zuschauerinnen fällt die Kinnlade herunter. Als wir schließlich gehen werden wir unter fröhlichem Gelächter verabschiedet….

L wie Loon (T.R.)

T.R. Loon (ausgeschrieben Truly Remarkable Loon, so steht es auch in seinem Reisepass) ist ein Jongleur und Clown aus Wisconsin. Er hat einen langen Zopf, einen Walross-Schnurrbart und kleidet sich ausschließlich in lila. Loon ist der Reiseführer meiner ersten Rundfahrt um die große Insel/Big Island von Hawaii im Februar 1988. Wir sind zu acht in einem gemieteten Kleinbus unterwegs und schwimmen unter Wasserfällen, springen aus Höhlen in den Pazifik, beobachten Buckelwale, schnorcheln mit Meeresschildkröten, wandern durch subtropischen Regenwald, essen Mangos, Avocados, Papayas, Kokosnüsse und Passionsfrüchte frisch vom Baum, body-surfen an weißen Stränden und jonglieren auf schwarzen (unter anderem mit Kokosnüssen)…. Dies alles im Anschluss an eine Woche Jonglierfestival (the 4th annual Hawaiian Vaudeville Festival) in Kalani Honua („Himmel und Erde“ auf Hawaiianisch) unweit von Bellyacres, einem Wohnprojekt von Auftrittskünstler*innen auf den Kalapana Seaview Estates.

Aber erstmal von vorn: Anfang Januar 1988 bin ich zu Besuch bei meiner Mutter in Harsefeld und liege in der Badewanne (meine 1 Zimmer Wohnung in Harburg hat kein Bad). Ich lese in der Jonglierzeitschrift Kaskade und stoße auf einen Artikel, der mich unglaublich fasziniert: ein gewisser Graham Ellis berichtet über eine Gruppe Jongleur*innen, die sich gemeinsam ein Stück Land an der Südküste von Hawaii gekauft haben und dort roden und Hütten bauen und einmal im Jahr ein Festival veranstalten. Es ist die Rede von Lava, die in den Ozean fließt und die Insel täglich wachsen lässt, von Buckelwalen und Delphinen mit denen man im freien Wasser schwimmen kann und von Sonne, Jonglieren am Strand und Musik am Lagerfeuer. Ich genieße das warme Wasser und träume, als es mich plötzlich trifft wie ein Schlag – ich könnte hinfahren! Ich hatte von meiner Großtante etwas Geld geerbt und es sind Semesterferien. Eine Woche Später habe ich die Flüge gebucht und 3 Wochen später bringt Majhab mich um 6.00 morgens zum Hamburger Flughafen und um 23.00 Uhr Ortszeit lande ich 28 Stunden später in Honolulu auf Oahu/Hawaii. Ich übernachte in einem Backpackers Hostel an der Nordküste und werde am nächsten Morgen wieder zum Flughafen gebracht,  um mit einem kleinen Flieger von Aloha Airlines nach Hilo auf der südlichsten Insel Big Island zu reisen. Per Anhalter geht es  nach Pahoa, wo die Postfach Adresse der Jongleure angegeben ist und frage in Läden nach dem Festival und bekomme schließlich den Tipp in Kalani Honua anzurufen, ein Konferenz- und Ferienzentrum 20 Kilometer südlich. Mein großzügiger Fahrer bringt mich noch direkt bis vor die Tür und ich gehe mit meinem Rucksack auf das Gelände und sehe die Lichter des Veranstaltungs-Pavillons (es ist inzwischen schon wieder dunkel), wo bunt gekleidete Menschen bei Live-Musik glitzernde Sachen in die Luft werfen. Wieder einmal geht es um Liebe auf den ersten Blick und um eine lange „Beziehung“… mehr dazu unter M wie Mahalo (Danke).

M wie Mahalo (Danke)!

Das bekannteste Wort der hawaiianischen Sprach, die sich durch die Übermacht der Vokale auszeichnet, ist sicherlich Aloha (Hallo, Willkommen, Tschüss, Liebe). Das Anekdotischste der Name des „Staatsfisches“: Humuhumunukunukuapua´a“ (auf Englisch „Little-Reef-Triggerfish“) – Adjektive werden durch Verdopplung gesteigert. So sind denn auch die Ortsnamen immer wieder hörenswert und häufig in der Übersetzung poetisch. Der Krater des erloschenen Vulkans auf der Insel Maui (nach dem gleichnamigen Gott) heißt Haleakela (Haus der Sonne). Einer der schönsten historischen Parks auf Big Island „Pu´uhonua O Ho´naunau“ und die Passionsfrucht wird Lilikoi genannt. Andere Früchte und Gemüse die es im Überfluss gibt sind Mangos, Avocados, Papayas, Bananen, Kokosnüsse, Macadamianüsse, Brotfrüchte und noch so Einiges bei dem ich den deutschen Namen nicht weiß.

Zwischen 1988 und 2003 bin ich ein rundes Dutzend Mal zwischen 3 und 8 Wochen auf Hawaii, bereise und erforsche alle erreichbaren Inseln und genieße die Fülle, die Wildnis und die spirituelle Intensität, die sich mir dort offenbart. Ich treffe viele der besten Jongleure und Auftrittskünstler der alternativen US-Amerikanischen und internationalen Szene, die ich dann häufig in anderen Teilen der Welt wiedertreffe, oder vorher schon getroffen hatte. Die Shows des Festival sind (wie ich im Nachhinein feststelle) von enormer Qualität und ich bin fast immer dabei und mache nie 2 Mal das Gleiche.

Meinen Einstieg auf Maui finde ich durch ein Tai Chi Seminar mit Großmeister William Chen, an dem ich wiederholt teilnehme, den Lehrer durch Showeinlagen als Fan gewinne und die lokale Tai Chi Szene kennenlerne. Auf Maui wandere ich auch immer wieder in und durch den Krater des Haleakela, der einer Mondlandschaft gleicht und in dem man seinen eigenen Herzschlag hört. Auf Big Island ist die intensivste Naturerfahrung die Wanderung durch das Waipio-Valley ins Waimanu Valley, wo es sich ohne große Mühe von Flusskrebsen, Muscheln, Früchten und Nüssen leben lässt. Wobei die Intensität möglicherweise in direkter Konkurrenz steht zum Schnorcheln und Tauchen mit wilden Delphinen und dem Belauschen der Gesänge der Buckelwale und Begegnungen mit ihnen im Wasser….

Und wenn sich dieser Bericht arg nach Prahlerei anhört, so liegt das daran, dass die Erinnerung an die Fülle des Erlebten nur dann wirklich lebendig wird, wenn ich mir erlauben kann die Sehnsucht nach dem Ort zu spüren, oder wenn ich die gleiche innere Weite erreiche, die dort nahezu alltäglich schien. Mein ehemaliger Mitbewohner Andreas reist in einem Jahr, in dem ich es nicht kann, mit seiner Frau nach Hawaii, mit einem Haufen Tipps und Kartenmaterial von mir. Auf der Postkarte, die ich von Ihnen bekomme steht nur „Es ist hier wirklich so schön, wie du es erinnerst!“….

(p.s. Ein 43 Minuten Video vom Festival auf Hawaii 1988: https://www.youtube.com/watch?v=0q2v7hR7bo0 )

N wie New Orleans

Nach Beendigung meines Zivildienstes reise ich im Sommer 1986 für 2 Monate nach USA. Ich habe ein Flugticket von Brüssel nach New York und zurück, einige Adressen von Leuten, die ich zu Hause oder auf Reisen kennengelernt hatte, ein schmales Budget und einen Rucksack mit Zelt, Matte und Schlafsack, sowie Jonglier-Requisiten und ein kleines Einrad dabei. Ich male mir ein Schild mit der Aufschrift „Traveling the US from Germany“ und fahre per Anhalter quer durch die Staaten, von New York nach Maine, Boston, Niagara Falls, Chicago, St. Louis, New Orleans, Dallas, Santa Fe, Grand Canyon, Los Angeles, San Francisco und von dort mit dem Flieger von „People´s Express“ zurück nach New York.

Meine erste Solo-Straßenshow spiele ich in Brüssel, die zweite in Faneuil Hall in Boston, historisches Gebäude mit Markt und Restaurants und Straßenkunstort. Als ich ankomme sind 2 Kolleg*innen grade fertig und bieten mir an „ihre Auftrittszeit“ zu Ende zu spielen (Benji und seine Partnerin treffe ich knapp 2 Jahre später auf Hawaii wieder). Danach gehe ich zum Marktbüro – das Gelände ist privat und man muss sich zum Spielen anmelden…. Der folgende Dialog hat sich mir eingeprägt: „Guten Tag, mein Name ist Martin und ich bin Straßenkünstler aus Deutschland auf der Durchreise und würde gerne hier auftreten.“ „Da müssen sie erst ihre Show einmal vorspielen.“ „Prima, wann kann ich das machen?“ „Im Frühling.“ In den USA sind (wie auch in Covent Garden, London) viele der Auftrittsorte im öffentlichen Raum in Privatbesitz und streng reguliert, was mir zu der Zeit noch völlig fremd ist. Ich erfahre, dass man im Univiertel am Cambridge Square frei spielen kann und tue das auch. In St. Louis gerate ich in ein „German Straßenfest“ spiele meine Show, werde von den Veranstaltern aufgehalten und verhandele ein Spontan-Engagement mit Hotelübernachtung. Nach New Orleans trampe ich das letzte Stück mit einem Polizisten, der mich bei der Jugendherberge abliefert und erfahre, dass der Jackson Square ein frei bespielbarer Auftrittsort ist. Ich freunde mich mit 2 lokalen Straßenkünstlern an, lerne sehr viel und bleibe eine ganze Woche. Meine Hut-Einnahmen decken die Reisekosten lange nicht und zugängliche Auftrittsorte sind rar gesät. Eine Show, die erste der Reise, spiele ich auf einem Campingplatz und einmal in einer Schule in Santa Fe, organisiert von Freunden, die ich besuche. In Los Angeles übernachte ich am Strand von Venice Beach (gegen 3 Uhr morgens werde ich aus einem Polizeihelikopter mit Scheinwerfer angeleuchtet – es gab in der Nähe eine Messerstecherei) und versuche am nächsten Tag mein Glück mit der Show, allerdings vergeblich: es war grad ein verlängertes Ferienwochenende und dienstags ist dann nichts los. In San Francisco ist der Pier 39 unzugänglich wie Fanueil Hall. In einer anderen Shopping Mall darf ich dann auftreten, aber das Publikum ist spärlich und die Einnahmen ebenso. Ich freunde mich mit „Markus Markoni“ an, der auf dem Pier spielt und mit dem ich in späteren Jahren in Deutschland und der Schweiz unterwegs bin und der legendär Keulen passen kann…. Ironischerweise stelle ich fest, dass die Auftrittsbedingungen am Cambridge Square die Besten waren! Als ich dann in San Francisco zum Flughafen will, um zu meiner letzten Etappe zu Freunden nach New Jersey zu reisen, reicht das Geld für den Airport Shuttle nicht und ich komme schließlich mit dem Linienbus grade noch rechtzeitig zum Check-in. Die zusätzliche Gepäckgebühr für das Einrad spendiert ein Mann der hinter mir in der Schlange steht.

Mary und Don holen mich vom Flughafen ab, beherbergen mich und leihen mir Geld. Ich habe Zeit mich auszuruhen und zu sammeln. Einen Tag fahre ich dann noch nach New York City und verhandele mit dem Park Security Mann im Washington Square Garden, dass ich auch dort eine Show versuchen darf („…if you can make it there, you´ll make it everywhere!“) und das hat dann ja offensichtlich sehr gut geklappt.